Intuition ist besser als ihr Ruf

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Wer Stimmen hört, sollte zum Arzt gehen. Und wer nie auf seine innere Stimme hört, hat auch Probleme. Denn Intuition ist das geballte Wissen aus Erfahrung. Wie man sie für Entscheidungsprozesse nutzen kann, erfahren Sie hier.

In unübersichtlichen Situationen sind Gruppenentscheidungen den meisten Einzelentscheidungen überlegen. Daher setzen einige Firmen bereits gezielt das Instrument der kollegialen Beratung ein, in der Gruppen gemeinsam Lösungen entwickeln. Die wenigsten Organisationen nutzen jedoch die unbewusste Intelligenz ihrer Mitarbeiter: die Intuition.

Intuition ist jene Form des unbewussten Wissens, die ganz ohne gezieltes Nachdenken auskommt – und sich trotzdem Ausdruck im Fühlen und Tun verschafft, wenn sie denn ernst genommen wird.

Intuitives Handeln wird oft belächelt, weil es nicht gründlich durchdacht ist. Dabei hat Intuition ein Riesenpotential: Sie greift auf ein komprimiertes Erfahrungsgedächtnis zurück, also auf Informationen, die wir irgendwann einmal aufgenommen haben. Und das ohne bewusste Berechnung, ohne langwieriges Abarbeiten von Informationen.

In unserem Gehirn laufen nämlich gleichzeitig Zusammenfassungen, Assoziationen und Vereinfachungen ab, und das über 24 Stunden ohne Arbeitszeitregelung. Für uns bemerkbar sind davon die vielzitierten Bauchgefühle und Geistesblitze.

Oft nehmen wir so auch Gefühle in uns selbst wahr, die eigentlich unser Gegenüber hat. Verantwortlich dafür sind Gehirnzellen mit genau diesem Spezialauftrag, sogenannte Spiegelneuronen. Mit ihrer Hilfe verarbeiten wir unbewusst wahrgenommene Hinweisreize im Gesicht und im Verhalten des Gegenübers und produzieren daraus mit Hilfe anderer Hirnzellen Gefühle. Im Unterbewusstsein lagern also Schätze. Sie müssen nur gehoben werden.

Unsere Intuition wird leider nur selten systematisch genutzt, sei es von Einzelpersonen oder gar bei Gruppenentscheidungen. Dabei hat schon der Mathematiker Henri Poincaré zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Vorgehen für kreative Prozesse zusammengestellt, das inzwischen durch neueste neurowissenschaftliche Forschung gestützt wird. Demnach bietet sich in schwierigen, vielschichtigen Situationen folgendes Vorgehen des kollegialen Intuitionsmanagements an:

  • Phase I: Das Vorglühen

Erfahrene Kollegen besprechen das Thema, um das es gehen soll. Hier ist das Ziel, das Fachwissen und das rational zugängliche Bewusstsein in die Diskussion zu bringen. Geht es um eine Entscheidung, können die Fachleute das Thema auf die wesentlichen Entscheidungsalternativen herunterbrechen. Geht es darum, Ideen zu entwickeln, hilft ein Brainstorming. Wichtig ist auf jeden Fall, dass es sich um möglichst erfahrene Kollegen handelt. Damit ist sichergestellt, dass das Erfahrungsgedächtnis reich gefüllt ist.

  • Phase II: Das Brüten

Die Gruppe geht sechs bis maximal 24 Stunden auseinander. Es werden keine Diskussionen über das anliegende Thema geführt. In dieser Zeit passiert Folgendes: Unser Unterbewusstsein ist ständig aktiv, die Bearbeitung läuft weiter, ohne dass wir es merken. Unterschwellig suchen wir stets Lösungen für alles, was am Tag unerledigt geblieben ist. Das ist echtes Multitasking.

  • Phase III: Die Ernte

Die Gruppe kommt wieder zusammen, jeder Einzelne berichtet über seinen jeweiligen Stand. Die Gruppendynamik muss so gesteuert werden, dass keiner an die Wand geredet wird und im ersten Moment auch unsinnig erscheinende Äußerungen Gehör finden.

  • Phase IV: Mehr Flughöhe

Abschließend fragt der Moderator, welche Assoziationen und Ideen im Zusammenhang mit der Problembearbeitung bei jedem Einzelnen aufgetreten sind. Hier ergeben sich manchmal ganz neue Aspekte, die zu einer Neubewertung der Lösung führen können.

All diese Phasen sollten zeitlich begrenzt werden. Selbstverständlich braucht es eine Bereitschaft, sich auf die inneren Stimmen einzulassen. Diese Stimmen sind da – warum sie nicht auch im Beruf nutzen?

Quelle: Spiegel Online